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Originalartikel vom 26.09.1998 als Vollbild   zurück zu Referenzen

der Ammertäler

Frauen im Ammertal

Kleidung verändert den Menschen
Heidrun Fischer-Schilling schneidert in Altingen Gewänder für Engel

Wer macht eigentlich Engeln ihre Kleider? Diese Frage erwartet man gemeinhin von einem kleinen Kind. Und was würde ein Erwachsener darauf antworten? Vermutlich sich mit dem lieben Gott herausreden, ohne die geringste Ahnung davon zu haben, woher ausgerechnet der Herrgott Engelsgewänder nehmen soll. Heidrun Fischer-Schilling dagegen würde diese Frage nicht in Verlegenheit bringen. Sie könnte nämlich auf ihren Katalog und ihre Schneiderei verweisen. Kleider für Engel entstehen, man glaubt es kaum, im schwäbischen Altingen.

Von Glocken fühlten sich Engel schon immer angezogen. Im Bild drei der seltenen Geschöpfe, die sich im Glockenturm des Nebringer Künstlers Lutz Ackermann tummeln. - Klick für größeres Bild

Wir sitzen vor einem lila bemalten Haus im Ammertal, umgeben von wuchernden Sommerblumen und rankendem Wein. Mit am Tisch "Emuriel-La", im hellen Gewand, flatternd, fließend und schwebend. Jede ihrer Bewegungen setzt sich schwingend in raschelnder Seide fort. Würde sich das Gewand erheben, seine Trägerin mit sich nehmen und im flirrenden Sonnenlicht entschwinden - man würde sich fast nicht mehr wundern.

Doch dann kommt die Rasselbande angestürmt. "Mama, der hat mich geärgert!", "Mama, ich nehm' mir mal mein Taschengeld!", "Mama, wann sind die Trauben endlich reif?" Ruck, zuck sind wir auf dem Boden der Tatsachen, in diesem Fall inmitten einer turbulenten fünfköpfigen Familie. Heidrun Fischer-Schilling beschwichtigt, tröstet, verteilt Taschengeld. Und erzählt dann, daß sie gelernte Musterzeichnerin ist, als Versicherungskauffrau gearbeitet hat, nach der Geburt ihrer drei Kinder aber nicht mehr berufstätig war.

Kreativität statt Massenware

Die Arbeit mit Stoffen hat sie allerdings nie ganz losgelassen. Zudem stand auch sie immer wieder an dem Punkt, den die meisten Frauen aus eigener Erfahrung kennen und der da heißt: "Ich finde einfach nichts zum Anziehen!" Heidrun Fischer-Schilling griff kurzentschlossen zu Stoff und Schere und begann, ihre eigenen Kleider zu schneidern. Seitdem muß sie sich über mangelnde Arbeit nicht beklagen: Der Kreis derjenigen, die sich in eines ihrer Gewänder hüllen wollten, wuchs schnell.

Seide, Baumwolle, Leinen und Wolle, möglichst aus ökologischem Anbau, gehören zu ihren bevorzugten Stoffen, Weiß und Natur sind ihre Lieblingsfarben, denn "darin kann der Mensch wirken, nicht die Farbe". Je nach Stimmung und Gelegenheit greift sie aber auch zu bunten. Stoffen, denn Farben, davon ist sie überzeugt, beeinflussen die Stimmung. Heidrun Fischer-Schilling arbeitet ohne Schnittmuster, jedes ihrer Kleider ist ein Einzelstück. Ihr oberstes Ziel beim Schneidern: "Meine Kleider sollen zu dem Menschen passen, der sie trägt. Er soll sich darin total wohl fühlen." Um das zu erreichen, ist es ihr am liebsten, diejenigen persönlich kennenzulernen, für die das Gewand schließlich bestimmt ist.

Menschen sind Engel

Ein gutes Gefühl für Stoffe, Farben und den Charakter eines Menschen ist es aber nicht allein, das die Idee zu einem Kleid liefert. Die Gewänder von Heidrun Fischer-Schilling sind auch Ausdruck ihrer Lebensphilosophie. "Jeder Mensch", so glaubt sie, "ist ein wiedergeborener Engel auf der Suche nach seiner Heimat, nach der Einheit." Beim Meditieren, manchmal auch im Traum, bekommt sie die Ideen zu ihren Modellen. Auf diese Weise hat Heidrun Fischer-Schilling auch ihren "Engelnamen" erfahren, "Emuriel-La", ein Name, von dem für sie viel mehr Energie ausgehe als von ihrem "irdischen Namen".

Im fertigen Gewand, davon ist sie überzeugt, steckt auch immer die Energie derjenigen, die, vom Ernten der Baumwolle bis zur Fertigstellung des Kleides, daran beteiligt waren. Und weil Kleider nicht nur etwas über den Menschen aussagen, der sie trägt, sondern, umgekehrt, die Kleidung, auch den Menschen in seinem Lebensgefühl beeinflusse und ihn damit verändere, will sich Heidrun Fischer-Schilling mit ihren Gewändern abheben von der oft lieblos gefertigten Massenware.

Ein zerrissener Ort

Wer demnächst mit der Ammertalbahn über die Gleise zuckelt, und dabei engelsgleichen Gestalten begegnet oder in der Ferne sanfte Flötentöne zu hören glaubt, sollte Augen und Ohren trauen. Denn in Altingen treffen sich Engel zum Kleiderkauf. Klick zum Vergrößern.

Und wie ergeht es einer Schneiderin von Engelskleidern, wenn sie in Altingen lebt? Verwundert angeschaut werde sie schon mal, wenn sie im "Gewand" unterwegs ist. Aber als Zugezogene habe man es hier, ganz unabhängig von Engelskleidern, sowieso nicht besonders leicht: "Altingen ist ein zerrissener Ort. Im alten Ortskern leben die Einheimischen ziemlich abgeschlossen, im Neubaugebiet die Zugezogenen." Es sei schwierig, Kontakt zu bekommen, und irgendwann, bekennt sie, "will man ihn auch nicht mehr". Gleichzeitig träumt sie vom Leben im Dorf, von einer Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. "So vieles könnte man zusammen viel besser tun. In der Umgebung stehen doch mittags hundert Mütter am Herd und kochen Spaghetti für ihre Kinder. Da könnte man sich doch abwechseln. " Auch die vielen Zweitautos, die den ganzen Tag vor dem Haus stehen, würde sie gerne ein sparen, Autos gemeinsam nutzen oder sich beim Einkaufen abwechseln. Ein solches Zusammenleben aber erfordere eben viel Toleranz die sie in Altingen nicht selten vermißt. Über aufkommende Unzufriedenheit tröstet sie allerdings die Landschaft hinweg. "Wenn man in Herrenberg aus dem Autobahntunnel kommt und das Ammertal vor sich hat, diese unglaubliche Weite, da wird mir doch klar: Wir leben an einem besonderen Ort." grö

Bildunterschriften:
Von Glocken fühlten sich Engel schon immer angezogen. Im Bild drei der seltenen Geschöpfe, die sich im Glockenturm des. Nebringer Künstlers Lutz Ackermann tummeln.
Wer demnächst mit der Ammertalbahn über die Gleise zuckelt, und dabei engelsgleichen Gestalten begegnet oder in der Ferne sanfte Flötentöne zu hören glaubt, sollte Augen und Ohren trauen. Denn in Altingen treffen sich Engel zum Kleiderkauf.
Bilder: Privat

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